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Kooperation / EU-Magazin Horizon / 09.10.2026, 15:03

Bekämpfung unsichtbarer Luftverunreinigungen in Wohnungen, Schulen und am Arbeitsplatz

Wir verbringen den Großteil unserer Zeit in geschlossenen Räumen; aber wie viel wissen wir eigentlich über die Luft, die wir atmen? Von der EU geförderte Forscherinnen und Forscher suchen nach Antworten und praktischen Möglichkeiten, diese Luftqualität zu verbessern.

Credit: APA/JAEGER

Offiziellen Schätzungen zufolge verbringen die Europäerinnen und Europäer bis zu 90 % ihres Lebens in Innenräumen. Doch während die Luftverschmutzung im Freien mittlerweile zu einem allgegenwärtigen Thema geworden ist, bleibt die Luft in unseren Wohnungen, Schulen und am Arbeitsplatz weitgehend unbeachtet. Das ändert sich gerade. Forscherinnen und Forscher in ganz Europa untersuchen, was tatsächlich in der Raumluft enthalten ist, wie sich dies auf unsere Gesundheit auswirkt und was man dagegen tun kann.

„Seit der COVID-19-Pandemie wird häufiger über die Raumluftqualität gesprochen, da den Menschen bewusst geworden ist, dass Aerosole Viren übertragen können“, sagte Jose Fermoso, Chemieingenieur des spanischen Forschungszentrums CARTIF und Koordinator von K-HEALTHinAIR, einem von sieben EU-finanzierten Projekten, die gemeinsam die Raumluftqualität untersuchen. „Diese Entwicklung führt dazu, dass Unsichtbares sichtbar wird.“

Das erhöhte Bewusstsein hat bisher jedoch nicht zwangsläufig zur Besorgnis über Luftverunreinigungen in Innenräumen geführt. Die meisten Schadstoffe seien geruchlos, schwer nachweisbar und der Mensch neige dazu, sich an ihre Anwesenheit zu gewöhnen, erklärte Fermoso. „Bis vor nicht allzu langer Zeit waren wir alle daran gewöhnt, in geschlossenen Räumen Zigarettenrauch einzuatmen.“

Die Forscherinnen und Forscher haben in den vergangenen Jahren Schadstoffe in Wohnungen, Schulen, Krankenhäusern, Büros und anderen Gebäuden in ganz Europa überwacht. Sie setzen ihre Erkenntnisse nun in Instrumente und Empfehlungen um und wollen so die Luft verbessern, die wir täglich atmen.

Was enthält unsere Luft wirklich?

Zigarettenrauch und Kochdünste sind nach wie vor wesentliche Ursachen für Verunreinigungen der Luft in Innenräumen. Sie enthalten Schwebstoffe – winzige Partikel und Tröpfchen, die tief in die Lunge vordringen und in manchen Fällen sogar in den Blutkreislauf gelangen können. Zu den Luftverunreinigungen in Innenräumen gehört jedoch weit mehr als nur Rauch.

„Wir stellen fest, dass in Innenräumen eine immense Vielfalt an chemischen Schadstoffen vorkommt. Einige davon sind bereits gut erforscht, doch bei vielen anderen verfügen wir noch nicht über ausreichende Erkenntnisse hinsichtlich der Exposition und möglicher gesundheitlicher Auswirkungen“, sagte Pernilla Bohlin Nizzetto, Forschungsdirektorin am NILU in Norwegen und Koordinatorin des von der EU finanzierten INQUIRE-Projekts.

Ihr Forschungsteam befasst sich nicht nur mit routinemäßig überwachten Luftschadstoffen in Innenräumen, sondern untersucht auch chemische und biologische Expositionen, ihre Quellen und potenzielle Auswirkungen auf die Gesundheit. Sobald Produkte in unsere Wohnungen gelangen, können diese Chemikalien in die Luft und in den Hausstaub abgeben – sei es beim Sitzen auf dem Sofa, beim Gehen auf dem Teppich oder wenn ein Kind mit einem Spielzeug spielt. „Hausstaub ist so etwas wie der chemische Fingerabdruck eines Hauses“, sagte sie.

Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Innenräume ein ganz eigenes chemisches Profil aufweisen können. Das INQUIRE-Team sammelte Luft-, Staub-, Produkt- und Urinproben aus 200 Haushalten mit kleinen Kindern in acht europäischen Ländern. In Laborversuchen stellten sie messbare biologische Auswirkungen des Staubs fest, darunter Auswirkungen auf Lungenzellen und hormonbezogene Marker. „Wir konnten uns bisher noch kein vollständiges Bild machen“, sagte Bohlin Nizzetto.

Bei einigen Substanzen deuten erste Ergebnisse auf einen Zusammenhang zwischen den im Innenraum nachgewiesenen und den im Urin gemessenen Werten hin. Die Ergebnisse zeigen zudem, dass Wohnräume unterschiedliche chemische Profile aufweisen, wobei viele Chemikalien in Innenräumen in höheren Konzentrationen vorkommen.

Eine weitere Studie von K-HEALTHinAIR untersuchte mehr als 350 Haushalte sowie Krankenhäuser, Schulen und Universitätsräume in sechs Ländern. In etwa 10 % der Haushalte wurden höhere Formaldehydkonzentrationen als erwartet festgestellt. Formaldehyd ist eine Chemikalie, die aus Möbeln und Baumaterialien freigesetzt wird, Augen und Atemwege reizen kann und als krebserregend für den Menschen eingestuft ist.

Kinder gehören zu den am stärksten gefährdeten Gruppen

Kinder – insbesondere Kinder unter fünf Jahren – gehören zu den am stärksten durch eine schlechte Raumluftqualität und die Exposition gegenüber Chemikalien in Produkten und Hausstaub gefährdeten Personen. „Sie verbringen mehr Zeit zu Hause und auf dem Boden als Erwachsene, wodurch sie stärker mit Staub und den Chemikalien in Haushaltsmaterialien in Kontakt kommen“, sagte Bohlin Nizzetto.

„Sie werden davon nicht unbedingt innerhalb weniger Tage oder Wochen krank, manche Chemikalien können jedoch langfristige hormonelle oder neurologische Auswirkungen haben. Kinder können anfälliger für diese Auswirkungen sein, da sich ihr Körper noch in der Entwicklung befindet.“ Forscherinnen und Forscher untersuchen außerdem, wie sich die Raumluft auf Kinder mit Asthma auswirkt. Im Rahmen des EDIAQI-Projekts haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Lüftungsgewohnheiten und das Mikrobiom – also die Zusammensetzung der im Hausstaub lebenden Bakterien und Pilze – untersucht.

„Wir versuchen, die gesamte im Staub vorhandene DNA zu analysieren, da dort sowohl nützliche als auch pathogene Bakterien und Pilze vorkommen“, sagte Mario Lovrić, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Lisbon Council, einem in Brüssel ansässigen Thinktank, der von der EU finanzierte Forschungsprojekte leitet. Er ist außerdem am Institut für anthropologische Forschung in Zagreb (Kroatien) tätig.

Sein Team hat einen ersten Zusammenhang zwischen Pilzen in Innenräumen und verkehrsbedingten Schadstoffen festgestellt. Die Forscherinnen und Forscher untersuchen, ob bestimmte Pilze diese Schadstoffe verstoffwechseln und so möglicherweise dazu beitragen können, sie abzubauen, bevor sie die Lunge erreichen. Die Ergebnisse lassen zudem eine auf den ersten Blick überraschende Schlussfolgerung zu: Eine vielfältige Mischung von Mikroben in Innenräumen könnte vorteilhaft sein.

„Wir raten nicht unbedingt zu übermäßigem Putzen. Ein vielfältiges Mikrobiom in Innenräumen ist nützlich. Alles steril zu halten, kann sich nachteilig auf Kinder auswirken“, sagte Lovrić. Auch in der Schule können Kinder verschiedenen Schadstoffen ausgesetzt sein. Forscherinnen und Forscher, die europäische Schulen untersuchten, stellten fest, dass die Schadstoffkonzentrationen und -arten je nach Land, Gebäude und Tageszeit erheblich variierten. Die Luftverschmutzung erreichte oft zu vorhersehbaren Zeitpunkten ihren Höhepunkt, unter anderem während des morgendlichen Berufsverkehrs, wenn Eltern ihre Kinder zur Schule brachten.

Kinder mit Allergien reagierten offenbar besonders empfindlich selbst auf durchschnittliche Schadstoffkonzentrationen, sagte Nikolaos Papadopoulos, Professor für Allergologie und pädiatrische Allergologie an der Universität Athen und Koordinator des SynAir-G-Projekts.

„Zwar konnten wir nicht nachweisen, dass Luftverschmutzung pauschal unmittelbare Auswirkungen auf die Gesundheit hat, wir stellen jedoch fest, dass Kinder mit Allergien selbst gegenüber durchschnittlichen Schadstoffkonzentrationen deutlich empfindlicher reagieren, was häufig zu Entzündungen der Atemwege führt.“

Welche Maßnahmen kann man ergreifen?

Die Forscherinnen und Forscher entwickeln Instrumente, mit denen sich Luftverunreinigungen in Innenräumen besser verstehen und bekämpfen lassen. K-HEALTHinAIR hat ein Luftüberwachungsinstrument entwickelt, das auf einem Ampelsystem basiert, und einen Index für die Raumluftqualität erarbeitet. EDIAQI hat einen Online-Simulator entwickelt, der die Luftqualität in Wohnräumen anhand des Standorts und weiterer Faktoren abschätzt. Forscherinnen und Forscher von SynAir-G haben zudem ein Filtersystem in Form einer „grünen Wand“ aus lebenden Pflanzen getestet, wobei vorläufige Daten auf positive Auswirkungen auf die Gesundheit hindeuten.

Die sieben Projekte arbeiten im Rahmen des von der EU finanzierten IDEAL-Clusters zusammen. Im Rahmen der verschiedenen Projekte entwickeln und testen Forscherinnen und Forscher Technologien zur Luftüberwachung, darunter kostengünstige Sensoren und Multisensorsysteme.

Je nach Einstellung können sie Feinpartikel, Kohlendioxid, flüchtige Chemikalien, Temperatur und Luftfeuchtigkeit messen. Diese Entwicklungen könnten dazu beitragen, die Messungen der Raumluft zuverlässiger und benutzerfreundlicher zu machen. „Wir wollen die Interpretation erleichtern und die Nutzerinnen und Nutzer in die Lage versetzen, entsprechend zu reagieren“, erklärte Fermoso.

Es gibt einfache Maßnahmen, die man schon jetzt ergreifen kann: Beim Kochen und Putzen lüften, nach Möglichkeit Lüfter oder Dunstabzugshauben verwenden und das Rauchen in Innenräumen vermeiden. Eine gute Raumluft hängt jedoch auch von den Gebäuden selbst ab, nämlich davon, wie sie gestaltet, belüftet und instand gehalten werden.

Dies sei insbesondere in Privathaushalten nur schwer zu bewerkstelligen, sagte Lovrić. „Wir betrachten unsere Haushalte nie als eine potenzielle Gefahr. Für uns sind diese Räume heilig. Im Grunde genommen ist jeder Haushalt jedoch ein chemischer Reaktor.“

Auf dem Weg zu einer europäischen Norm

Die Forscherinnen und Forscher vertreten die Ansicht, dass zur Verbesserung der Raumluftqualität letztlich sowohl politische als auch individuelle Maßnahmen erforderlich sind. Was unter „guter“ Raumluft zu verstehen sei, lasse sich nicht so einfach definieren, merkte Fermoso an. Die Bedingungen könnten von Gebäude zu Gebäude und sogar von Raum zu Raum im selben Gebäude sehr unterschiedlich sein. Der IDEAL-Cluster hat Leitlinien erarbeitet, in denen Forschungsergebnisse und praktische Empfehlungen zur Kontrolle der Luftqualität in Innenräumen kombiniert werden. Er entwickelt aktuell einen Fahrplan für künftige europäische Leitlinien und Normen, der aufzeigt, wie die Ergebnisse der Projekte zu gesünderen Innenräumen beitragen können.

„Die Messung der Raumluftqualität sollte zur Standardpraxis werden – zumindest in bestimmten Umgebungen“, sagte Papadopoulos. Die Herausforderung besteht nun darin, den Menschen bewusst zu machen, dass die Raumluft es wert ist, gemessen und geschützt zu werden.

Bessere Instrumente können zwar helfen, laut den Forscherinnen und Forschern braucht Europa jedoch ebenfalls einen klareren Rahmen, in dem Gesundheits-, Bau-, Energie- und Umweltpolitik miteinander verknüpft werden. Dies könnte dazu beitragen, dass die Räume, in denen die Menschen den größten Teil ihres Lebens verbringen, die gleiche Aufmerksamkeit erhalten wie die Luft außerhalb dieser Räume.

Die EU hat bereits damit begonnen, dieses Problem im Rahmen ihrer Null-Schadstoff-Agenda und neuer Bauvorschriften anzugehen. Die Herausforderung besteht nun darin, diese Aspekte miteinander zu verknüpfen und die zunehmenden wissenschaftlichen Erkenntnisse für gesündere Innenräume zu nutzen.

Von Michaela Nesvarova

**Einige der in diesem Artikel beschriebenen Ergebnisse stammen aus Analysen, die noch nicht abgeschlossen sind und bislang noch nicht in Fachzeitschriften mit Peer-Review veröffentlicht wurden.

Nähere Informationen

– IDEAL-Cluster
–  SynAir-G (CORDIS)
– SynAir-G-Projektwebsite
– K-HEALTHinAIR (CORDIS)
– K-HEALTHinAIR-Projektwebsite
– EDIAQI (CORDIS)
– EDIAQI-Projektwebsite
– INQUIRE (CORDIS)
– INQUIRE-Projektwebsite
– LEARN (CORDIS)
– TwinAIR (CORDIS)
– INCHILDHEALTH (CORDIS)
– EU-Aktionsplan zur Schadstofffreiheit

APA-Science Content-Kooperation mit Horizon

Dieser Artikel wurde ursprünglich im EU-Forschungs- und Innovationsmagazin Horizon veröffentlicht.
Die in diesem Artikel beschriebenen Forschungsarbeiten wurden durch das EU-Programm Horizont finanziert.

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