Jeder Tropfen zählt: Der Wettlauf um die Sicherung der Wasserzukunft Afrikas
In ganz Afrika wird die effiziente Nutzung von Wasser immer wichtiger. In sechs Ländern haben sich Forschende und lokale Gemeinschaften zusammengeschlossen um Böden, Wasserressourcen und Lebensgrundlagen mithilfe naturbasierter Lösungen wiederherzustellen.
In Ranérou, im Nordosten Senegals, arbeiten Einheimische und Umweltexpertinnen und -experten Seite an Seite daran, die Lebensgrundlagen sowie die Bedingungen für Anbau und Tierhaltung zu verbessern sowie die biologische Vielfalt der Region zu schützen. Um die Bodenqualität zu verbessern, pflanzen sie Bäume und kümmern sich um deren Pflege. Außerdem baggern sie einen örtlichen Teich aus und befestigen ihn, damit er mehr Regenwasser speichern kann.
Die Arbeiten finden an einem von sechs Innovationsstandorten – sogenannten „Living Labs“ – statt, die von TRANS-SAHARA eingerichtet wurden. Die anderen fünf Standorte, die so ausgewählt wurden, dass sie den unterschiedlichen Gegebenheiten in der Region Rechnung zu tragen, befinden sich in Äthiopien, Dschibuti, Ghana, Tschad und Tunesien. TRANS-SAHARA entwickelt zusammen mit den Schwesterinitiativen AfroGrow und GALILEO naturbasierte Lösungen für die Boden- und Wasserbewirtschaftung in ganz Afrika.
Den lokalen Gemeinschaften zuhören
Forschende arbeiten mit lokalen Gemeinschaften zusammen und erproben verschiedene Bewirtschaftungsmethoden, um geschädigte Ökosysteme wiederherzustellen, die Wasser- und Ernährungssicherheit zu verbessern und die Einkommen der Bäuerinnen und Bauern in Nord- und Subsahara-Afrika, insbesondere in der Sahelzone, zu erhöhen. „Die Menschen vor Ort sagen uns: ,Wir brauchen Wasser. Wir brauchen Wasser heute und wir brauchen Wasser morgen‘“, erklärte Aminata Diallo Sy, Leiterin für Partnerschaften und Fundraising bei der senegalesischen Agentur für Wiederaufforstung und die Große Grüne Mauer.
Die Initiative „Große Grüne Mauer“ (Great Green Wall Initiative) ist ein von der Afrikanischen Union geführtes und durch das Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung unterstütztes Programm zur Landwiederherstellung. Elf Länder sind daran beteiligt, und das Ziel besteht darin, einen durchgehenden Landstreifen von 8 000 Kilometern Länge wiederherzustellen, der sich quer durch Afrika von Senegal bis Dschibuti erstreckt.
In Ranérou läuft ein Wettlauf gegen die Zeit, um den Teich vor dem Einsetzen der Regenzeit zu sanieren. Früher dauerte die Regenzeit von Juli bis Oktober, doch mittlerweile beginnt sie oft erst im August, weshalb es umso dringlicher ist, jeden Tropfen Wasser aufzufangen. Nach Ansicht von Frau Diallo Sy kommt es mehr darauf an, zuzuhören als Lösungen vorzugeben. „Wir müssen wissen, welche Vorstellungen die lokalen Gemeinschaften haben, denn sie sind diejenigen, die das Projekt umsetzen. Sie müssen einbezogen werden, damit das Projekt effizient durchgeführt wird und gute Ergebnisse erbringt.“
Vernetzte Lösungen
Die Arbeit von TRANS-SAHARA basiert auf dem Ansatz des Nexus Wasser-Energie-Lebensmittel-Ökosysteme (Water-Energy-Food-Ecosystems (WEFE) Nexus). Anders als die konventionelle Agroforstwirtschaft, deren Schwerpunkt auf der Integration von Gehölzen mit Ackerbau und Tierhaltung liegt, werden nach dem WEFE-Nexus-Ansatz Wasser, Energie, Lebensmittel und Ökosysteme als Bereiche eines einzigen Systems und nicht als separate Problemfelder behandelt. Dieser Ansatz eignet sich gut für die einzigartigen Naturräume Afrikas, wo Wasser bereits knapp ist und der Druck durch Klimawandel, Dürren und Bevölkerungswachstum zunimmt. Ziel ist es, die Einkommen der Bäuerinnen und Bauern in den Living Labs zu steigern und auf degradierten Flächen neue CO2-Senken zu schaffen.
TRANS-SAHARA stützt sich auf eine Reihe von Lösungen, die sich gegenseitig verstärken. Ein Beispiel ist die Umwandlung organischer Siedlungsabfälle in organischen Dünger, der geschädigte Böden verbessert und deren Fähigkeit zur Speicherung von Regenwasser erhöht. Dabei wird Methan aufgefangen, ein Treibhausgas mit einem höherem Treibhauspotenzial als CO2, wenn auch mit kürzerer Verweildauer. Zugleich steigert der organische Dünger die Ernteerträge und verbessert die Bodengesundheit. Das Anpflanzen von Bäumen auf landwirtschaftlichen Flächen geht noch einen Schritt weiter: Es bindet Kohlenstoff, spendet Schatten und fördert die Biodiversität.
„Wir nutzen die Wasserversorgungssicherheit als Ausgangspunkt, um einen umfassenderen, ganzheitlicheren Nexus-basierten Ansatz für Nachhaltigkeit zu erkunden“, erklärte die Projektkoordinatorin Dr. Daphne Gondhalekar vom Lehrstuhl für Siedlungswasserwirtschaft an der Technischen Universität München. „Der Nexus führt die Bereiche Wasser, Energie, Lebensmittel und Ökosysteme sowie Abfall und Verkehr zusammen.“
Leichterer Zugang zu Wasser
Im Mittelpunkt des Projekts steht die Grundwasseranreicherung. Frühere Initiativen zielten in der Regel darauf ab, Wasser mithilfe solarbetriebener Systeme aus dem Boden zu pumpen, um Felder zu bewässern. TRANS-SAHARA kehrt diese Logik um. Statt dem Boden Wasser zu entnehmen, liegt der Schwerpunkt auf der Wiederauffüllung unterirdischer Reserven, sogenannter Grundwasserleiter, damit sie von den Gemeinschaften ohne oder mit nur geringem Einsatz von Strom genutzt werden können. Dafür muss man zunächst wissen, was überhaupt vorhanden ist.
Das Team hat Mitglieder der Gemeinschaft darin geschult, den Grundwasserspiegel mit einfachen, kostengünstigen Sensoren zu überwachen, die jedermann bedienen und warten kann. Die Messwerte werden in ein gemeinsames Netzwerk eingespeist und vermitteln so den Forschenden und den Wasserbehörden ein klareres Bild davon, wie sich die Reserven im Laufe der Jahreszeiten verändern. Der nächste Schritt besteht darin, das Regenwasser während der kurzen, intensiven Regenzeit aufzufangen und zurück in den Untergrund zu leiten. Gegenwärtig fließt ein Großteil des Regenwassers direkt von dem durch Desertifikation entblößten Land ab, während der Rest schnell in der Hitze verdunstet – ein doppelter Verlust, den eine gezielte Grundwasserauffüllung verhindern soll.
Grundwassersanierung
In jedem Living Lab entwirft das Team Infrastrukturen zum Auffangen von Regenwasser und dessen Filterung durch Boden- und Substratschichten zurück ins Grundwasser. Dadurch wird sichergestellt, dass das Wasser, das in den Grundwasserleiter gelangt, ausreichend sauber für die Nutzung ist. Dr. Gondhalekar legte dar, dass die Forschenden versuchen, Wasser auf direkterem Weg in den Grundwasserleiter einzuleiten, um die verfügbare Menge so schnell wie möglich zu erhöhen. Da nur wenige Daten über diese Grundwasserleiter vorliegen, verwenden die Forschenden bestehende Brunnen und Bohrungen als Anhaltspunkte. Die Gemeinschaften, die diese Brunnen ausgehoben haben, stützten sich dabei auf über Generationen weitergereichtes Wissen darüber, wo Wasser zu finden ist.
Das Projekt baut nun auf diesem Wissensschatz auf, unter anderem in Ranérou, wo die Gemeinschaft mit der nationalen Wasserbehörde zusammenarbeitet, um die derzeitigen Grundwasserreserven vor Beginn der Regenzeit zu kartieren. „Dies ist das erste Projekt in unserem Gebiet, in dessen Mittelpunkt speziell die Grundwasseranreicherung steht“, sagte Diallo Sy. „Durch die Sanierung des Teichs wird der unmittelbare Bedarf gedeckt, während die Anreicherungsarbeiten auf die Zukunft ausgerichtet sind.“
Gewonnene Erkenntnisse
Da die Männer oft auf den saisonalen Weiderouten unterwegs sind, übernehmen die Frauen in Ranérou die Führung bei agroökologischen Verbesserungen – bessere Bodenbewirtschaftung, natürliche Bestäubung und Schädlingsbekämpfung –, um den Anbau von Obst, Gemüse und Grundnahrungsmitteln auszuweiten. Die Vorteile für Ernährungssicherheit, Nährstoffversorgung und die Gesundheit der Gemeinschaft sind gut dokumentiert.
Das Team geht auch den Auswirkungen praktischer Maßnahmen nach und erfasst Veränderungen der Bodenqualität, der Wasserverfügbarkeit, der biologischen Vielfalt und der Einkommen der Bäuerinnen und Bauern in allen sechs Living Labs. Die Ergebnisse fließen in neue Geschäftsmodelle ein, die darauf ausgelegt sind, den lokalen Gemeinschaften die Mittel an die Hand zu geben, die sie benötigen, um ihre Ressourcen selbstständig zu bewirtschaften.
Bis 2027, wenn das Projekt TRANS-SAHARA abgeschlossen ist, will das Team Modelle entwickelt haben, die in allen Ländern der Afrikanischen Union übernommen werden können. Ziel ist es, bis 2030 eine breitere Anwendung auf dem gesamten Kontinent zu erreichen. Die Erkenntnisse der Forschenden in den Bereichen Grundwasser, Grundwasserauffüllung und Ernteerträge dürften auch weit über Afrika hinaus in Interventionen einfließen, da Europa mit seinem eigenen sich verschärfenden Zyklus aus Überschwemmungen, Dürren und Hitzewellen zu kämpfen hat. „Europa kann in Sachen Dürremanagement viel von Afrika lernen“, erklärte Dr. Gondhalekar. „Wenn wir die Treibhausgasemissionen in Europa nicht sofort reduzieren, werden unsere Landschaften in zwei bis drei Jahrzehnten aufgrund des Klimawandels genauso aussehen wie die Sahelzone heute.“
Von Helen Massy-Beresford
Weitere Informationen:
Website des Projekts TRANS-SAHARA
Zusammenarbeit auf dem Gebiet grenzüberschreitender Gewässer
Team-Europa-Initiative zur grenzüberschreitenden Wasserbewirtschaftung in Afrika (TEI-TWM)
Dieser Artikel wurde ursprünglich in Horizon dem Forschungs- und Innovationsmagazin der EU, veröffentlicht.
Die in diesem Beitrag beschriebene Forschungsarbeit wurde aus dem EU-Programm Horizont Europa finanziert.