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Kooperation / EU-Magazin Horizon / 22.06.2026, 13:55

Jenseits von Büchern – Bibliotheken in Europa erfinden sich neu

In ganz Europa erfinden sich Bibliotheken neu – als Gemeinschaftszentren und Kreativräume für das digitale Zeitalter. Dafür bündeln Forschende, die Gemeinschaft vor Ort und Kreativarbeitende ihre Kräfte.

Credit: APA/dpa

Vor mehr als 2.000 Jahren galt die Bibliothek von Alexandria in Ägypten als Sinnbild von Wissen und Entdeckungen in der Antike. Doch war sie nie nur ein reiner Ort zur Aufbewahrung von Schriftrollen. Sie war ein Versammlungsort, wo Gelehrte sich trafen, über neue Theorien diskutierten und gemeinsam neues Wissen schafften.

Heute erfinden sich die Bibliotheken in Europa wieder einmal neu – nicht als stille Aufbewahrungsorte von Büchern, sondern als dynamische öffentliche Räume, die eine Antwort auf die sich wandelnden sozialen Bedürfnisse geben.

Barbara Kieslinger, eine leitende Wissenschaftlerin am Zentrum für soziale Innovation in Wien, hat ein besonderes Interesse an der Bürgerwissenschaft, an Innovationen innerhalb der Gesellschaft und der Art und Weise, in der Menschen zusammenkommen, um Wissen und Ideen auszutauschen.

Ein Teil ihrer Arbeit beschäftigt sich mit „Makerspaces“ und der Frage, wie digitale Tools dazu beitragen können, kollaborativere öffentliche Räume zu schaffen. Sie hat verfolgt, inwiefern sich derzeit die Anforderungen an Bibliotheken wandeln. „Die Bibliotheken stellen aktuell fest, dass es nicht mehr ausreicht, Bücher oder Videos zu verleihen“, so Kieslinger. „Sie wollen ihren Nutzerinnen und Nutzern neue Erfahrungen bieten“.

Mit finanzieller Unterstützung der EU ist Kieslinger nun an der Leitung einer Forschungsinitiative zur Neuausrichtung von Bibliotheken namens „make-a-thek“ beteiligt. Von 2025 bis 2028 arbeitet das make-a-thek-Team mit Bibliotheken in ganz Europa zusammen, um herauszuarbeiten, wie deren neue Rolle in der Gesellschaft aussehen könnte.

Die Forschenden konzentrieren sich darauf, Bibliotheken zu dem zu machen, was Kieslinger „third spaces“ nennt – ein Konzept für Räume jenseits des Arbeitsplatzes und des eigenen Zuhauses, in denen sich Menschen ungezwungen treffen, kreativ sein und miteinander in Kontakt treten können.

Neue Rolle der Bibliotheken

Dieser Wandel tritt zu einer Zeit ein, in der Bibliotheken unter Druck stehen, ihre Bedeutung in einer zunehmend digitalen Welt nicht zu verlieren. Obwohl der Zugang zu Informationen noch nie einfacher war, ist der Bedarf an vertrauenswürdigen inklusiven öffentlichen Räumen unverändert hoch.

„Wir sehen eine wachsende Nachfrage nach Räumen, die sich wie ein Gemeinschaftswohnzimmer anfühlen“, so Kieslinger. „Orte, die offen, einladend und für alle zugänglich sind“.

Die Wissenschaftlerin und ihr Team arbeiten mit Bibliotheken aller Größenordnungen zusammen, um mit neuen Formaten zu experimentieren. Eine zentrale Idee ist die Einführung von „Makerspaces“ – Bereichen, in denen Besucherinnen und Besucher handwerkliche Fähigkeiten erwerben, mit anderen Menschen zusammenarbeiten und sich an kreativen Projekten ausprobieren können.

Ein besonderer Fokus liegt auf nachhaltiger, kreislauforientierter Mode und traditionellem Handwerk. Statt nur Ausstattung und Gerätschaften bereitzustellen, sind diese Räume so konzipiert, dass unter einem Dach sowohl Workshops stattfinden, als auch die Möglichkeit zum Voneinanderlernen („Peer Learning“) und zum Austausch besteht.

In Abhängigkeit von den jeweiligen Gegebenheiten unterscheiden sich die Ansätze sehr. Im finnischen Helsinki bietet die Zentralbibliothek Oodi bereits eine umfassende „Makerspace“-Infrastruktur, darunter ein ganzes Stockwerk, das für Kreativarbeit zur Verfügung steht. Dort trägt die Initiative „make-a-thek“ dazu bei, Angebote auf spezielle Gruppen und Gemeinschaften zuzuschneiden.

Kleine Bibliotheken dagegen stehen erst am Anfang dieser Reise. In der polnischen Stadt Oppeln beispielsweise hat die städtische Bibliothek in diesem Frühjahr ihre ersten „Makerspace“-Workshops gestartet.

„Makerspaces“ sind nicht mit einem Café zu vergleichen, wo etwas verzehrt wird und es um Konsum geht“, sagt Patrycja Przybylska, die Barrierefreiheitsbeauftragte und Projektkoordinatorin der Bibliothek, die die Initiative vor Ort organisiert. „Es geht darum, Zugang zu Wissen zu eröffnen und Menschen die Möglichkeit zu geben, selbst etwas Neues zu schaffen“.

Vom Nutzer zum Mitgestalter

Während Kieslingers Initiative die praxisorientierte Kreativität in den Mittelpunkt stellt, ging eine andere EU-finanzierte Initiative das Thema aus einem anderen Blickwinkel an. Das Projekt LibrarIN, das von 2021 bis 2025 durchgeführt wurde, beschäftigte sich damit, wie Bibliotheken im Prozess ihres sich Neuerfindens kollaborativer und gemeinschaftsorientierter werden können und wie die Bürgerinnen und Bürger diesen Prozess mitgestalten können.

Anna Triantafillou, Direktorin des Innovationslabors im Technologiezentrum Athen in Griechenland, leitete das LibrarIN-Team. Dieses untersuchte, wie Bibliotheken sich von der reinen Bereitstellung von Dienstleistungen wegentwickeln können, um diese Dienstleistungen stattdessen gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern aktiv zu gestalten.

„Es geht um den Übergang von ‚Sammlungsbeständen‘ zu ‚Netzwerken‘“, so Triantafillou. „Der heutige Wert der Bibliotheken liegt nicht nur in ihrem Angebot, sondern auch darin, wie sie mit Menschen in Kontakt treten und die Zusammenarbeit ermöglichen.“

Die Forschenden von LibrarIN haben einen der größten europäischen Datenbestände zu Innovationen im Bibliotheksbereich aufgebaut, der auf 38 Fallstudien und auf Umfrageergebnissen von 1 200 öffentlichen Bibliotheken und Universitätsbibliotheken beruht.

Ihre Forschungsergebnisse zeigen, dass sich Bibliotheken in drei zentralen Bereichen weiterentwickeln: digitaler Wandel, Erprobung von Gemeinschaftskonzepten und soziales Unternehmertum.

In der Praxis hat dies viele verschiedene Ausprägungen. Einige nationale Bibliotheken nutzen KI, um den Zugang zu ihren Sammlungen durch eine automatisierte Indexierung zu verbessern.

Andere, insbesondere in Ländern wie Dänemark und Finnland, entwickeln sich zu „living labs“ – Räume, in denen neue Dienstleistungen zusammen mit den Nutzerinnen und Nutzern unter realen Bedingungen konzipiert und getestet werden.

Und woanders arbeiten Bibliotheken mit lokalen Organisationen zusammen, um den Bedürfnissen vor Ort gerecht zu werden, beispielsweise durch die Einrichtung von Repaircafés oder die Förderung von Bürgerinitiativen.

Triantafillou meint: „Bibliotheken werden zunehmend zu Plattformen, wo Gemeinschaften, Institutionen und politische Entscheidungsträger zusammenarbeiten, um real existierende gesellschaftliche Herausforderungen anzugehen“.

Grenzüberschreitender Wissensaustausch

Eine entscheidende Stärke beider Initiativen liegt darin, dass sie sich auf ganz Europa erstrecken. Indem sie Bibliotheken über Ländergrenzen hinweg vernetzen, helfen die Forschenden den Bibliotheken dabei, voneinander zu lernen und erfolgreiche Ideen auf ihre jeweiligen Gegebenheiten zu übertragen.

„Die Zusammenführung von Erfahrungen aus verschiedenen Ländern ermöglicht es den Bibliotheken, ihre eigenen Gepflogenheiten strukturierter zu reflektieren“, so Triantafillou. Der grenzüberschreitende Austausch ist wichtig in einer Zeit, in der viele Bibliotheken einem ähnlichen Druck ausgesetzt sind: begrenzte finanzielle Mittel, Personalmangel und die Notwendigkeit, neue Kompetenzen zu entwickeln.

Auch kann es schwierig sein, Einstellungen und Denkweisen zu verändern. Einige Interessenträger sehen Bibliotheken immer noch vorrangig als Orte zur Ausleihe von Büchern und nicht als aktive Gemeinschaftsräume. „Es kann Widerstand geben, insbesondere von den Finanziers der Bibliotheken“, bemerkt Kieslinger. „Aber die Erwartungen ändern sich, und die Bibliotheken müssen sich mit ihnen weiterentwickeln.“

Innovationen auf den Weg bringen

Damit ihre Arbeit auch jenseits der Partnerinstitutionen Wirkung zeigt, haben beide Projektteams praktische Tools entwickelt und PR-Maßnahmen geplant. Das LibrarIN-Team hat ein Online-Toolkit zusammengestellt, damit Bibliotheken Praxisbeispiele kennenlernen, Ansätze vergleichen und Inspirationen für ihre eigenen Initiativen bekommen können.

Das „make-a-thek“-Team bereitet derzeit die Europa-Rundreise eines kleinen Infobusses vor, der mit Gerätschaften, Materialien und Workshop-Utensilien bestückt ist. Die mobile Einheit

wird ländliche und unterversorgte Gebiete besuchen und praktische Aktivitäten anbieten, um den Menschen vor Ort zu zeigen, wie eine neu gestaltete Bibliothek aussehen und funktionieren kann.

Teil des Angebotes ist auch ein digitales Toolkit, das ab Juli 2026 verfügbar sein wird, und mit dem Bibliotheken ihre eigenen „make-a-theks“ entwerfen können.

Eine zeitlose Institution neu erfinden

Trotz der technologischen und sozialen Veränderungen, die ihre Weiterentwicklung prägen, bleibt die Kernaufgabe der Bibliotheken auffallend vertraut. „Bibliotheken ging es schon immer darum, Wissen zu teilen und Menschen zusammenzubringen“, so Przybylska. „Das hat sich nicht geändert.“

Was sich ändert, ist die Art und Weise, wie diese Aufgabe erfüllt wird. Von „Makerspaces“ und Mitgestaltungs-Workshops bis hin zu digitalen Angeboten und Partnerschaften mit der lokalen Gemeinschaft – Bibliotheken erweitern ihre Rolle in der Gesellschaft und treffen dabei in vielen Fällen auf eine neue Besucherschaft.

„Mit der richtigen Unterstützung können Bibliotheken eine zentrale Rolle bei der Bewältigung großer gesellschaftlicher Herausforderungen spielen – sei es bei der digitalen Inklusion oder bei der demokratischen Teilhabe“, ist sich Triantafillou sicher.

In vielerlei Hinsicht spiegelt die Transformation, die heute stattfindet, den Geist der Bibliothek von Alexandria wider: nicht nur ein Ort des Wissens, sondern ein Raum, wo Ideen ausgetauscht werden, Gemeinschaft geschaffen wird und neue Möglichkeiten Gestalt annehmen.

Von Hannah Docter-Loeb

Weitere Informationen:

make-a-thek (CORDIS)

Website des Projekts make-a-thek

LibrarIN (CORDIS)

Website des Projekts LibrarIN

EU-Forschung im Bereich des Kulturerbes und der Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW)

Die facettenreiche Rolle öffentlicher Bibliotheken – CORDIS Synergy Info Pack

APA-Science Content-Kooperation mit Horizon

Dieser Artikel wurde ursprünglich in Horizon, dem Forschungs- und Innovationsmagazin der EU, veröffentlicht.

 

Die in diesem Beitrag beschriebenen Forschungstätigkeiten wurden aus dem EU-Programm „Horizont Europa“ finanziert.

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