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Mehr zum Thema / Hermann Mörwald / Donnerstag 03.03.22

LSD – eine the­ra­peu­ti­sche Alternative

Über LSD (Lysergsäurediethylamid) wurde schon viel erzählt. Eines ist klar, sie ist vielleicht die prominenteste psychoaktive Substanz – zumindest der 20. Jahrhunderts. 1938 von Albert Hofmann entdeckt, machte es eine schnelle Karriere als Medikament im psychotherapeutischen Einsatz.
Foto: APA/AFP

In den 1960er-Jahren wurde LSD mehr oder weniger zur Leitdroge der damaligen Jugendbewegung. Darauf folgte eine zunehmende Dämonisierung der Substanz, die in weiterer Folge den therapeutischen Einsatz und die wissenschaftliche Arbeit mit LSD mehr oder weniger verunmöglichte. In den 2000er-Jahren kam schließlich  es zu einer Art „psychedelischer Renaissance“. Ganz vorne dabei war der Solothurner (Schweiz) Psychiater und Psychotherapeut Peter Gasser, der 2007 nach mehr als 30 Jahren die erste LSD-Studie mit Patienten startet.

Gasser ist Ende der 1980er-Jahre am Beginn seiner Facharztausbildung erstmals mit LSD in der Psychotherapie in Berührung gekommen, indem er sich selbst einer derartigen Therapie unterzogen hat. Damals gab es in der Schweiz die Möglichkeit, in der Psychotherapie legal mit psychedelischen Substanzen (LSD, MDMA, etc.) zu arbeiten. Anfänglich ist er von einer einmaligen Erfahrung ausgegangen, letztlich hat er sich, überzeugt von dem Ergebnis, entschieden, selbst in Richtung psychedelische Therapie weiterzumachen. „Was mir hilft, hilft wohl auch anderen“, war dabei Gassers Grundgedanke. Dafür machte er ein dreijährige Ausbildung (1989-1992).

In diesem Zeitraum hatten Psychotherapeuten in der Schweiz die offizielle Erlaubnis, LSD und MDMA einzusetzen. 1993 wurden diese Ausnahmenbewilligungen gestoppt. In weiterer Folge hat man sich in der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie (SÄPT) darum bemüht, weiter mit LSD & Co. therapieren zu können. Schnell war laut Gasser klar, dass der Weg über die Forschung führt. Ab den 2000er-Jahren konnten schließlich mehrere wissenschaftliche Arbeiten in der Schweiz lanciert werden.

Rechtliches

 

Über die Arbeit mit Patienten in einem wissenschaftlichen Setting können in der Schweiz seit 2014 bei der zuständigen schweizerischen Behörde (Gesundheitsministerium) Einzelfallanträge für Therapien mit LSD, MDMA und auch Psilocybin beantragen. Dabei ist es durchaus möglich, dass die Psychotherapie selbst von der Krankenkasse bezahlt wird, die Substanz klarerweise nicht. Peter Gasser: „LSD ist keine krankenkassen-taugliche Medikation.“ In Österreich ist es weiterhin nicht möglich, psychedelische Therapie anzubieten und auf diesem Gebiet legal wissenschaftlich zu arbeiten, wie Psychotherapeuten gegenüber APA-Science bestätigten (Mehr dazu lesen Sie im Beitrag "Psychedelika in klinischen Tests – bitte warten!")

Gassers Studien

Gasser selbst hat bis jetzt zwei Studien zu LSD geleitet. Die erste 2007 gestartete Studie – laut Gasser eine Pilotstudie mit zwölf Probanden – war, wie bereits erwähnt, nach mehr als 30 Jahren die erste LSD-Forschung mit Patienten (Ergebnisse 1, Ergebnisse 2).

Dabei war für Gasser, der noch mit Albert Hofmann in Kontakt stand, das Aufsehenerregendste der Fakt, dass sie überhaupt stattgefunden hat. „Wir konnten zeigen, dass Behandlungen mit LSD sicher und ohne schwere Nebenwirkungen, ohne akute suizidale Handlungen, ohne Psychosen usw. durchgeführt werden können. Durch die geringe Fallzahl (12 Patienten) kann man keine wirklich objektiven, statistisch belastbaren Aussagen treffen. Subjektiv gesehen, waren die Behandelten zufrieden und wären bereit zu weiteren Behandlungen gewesen, ebenso würden sie sie weiterempfehlen“, fasst Gasser die Studie knapp zusammen. Die Tendenz weise darauf hin, dass es eine wirksame Behandlung darstelle. Die Probanden berichten zudem darüber, dass sie nach der LSD-Gabe sich mit anderen Menschen verbundener fühlen.

Das Team um Gasser hat schließlich eine Folgestudie (ab 2017) initiiert. Dabei wurden 40 Patienten mit schweren körperlichen Erkrankungen (Krebs) und damit einhergehenden existenziellen Krisen sowie Personen mit psychiatrischen Angstzuständen zwei Mal mit LSD und zwei Mal mit einem Placebo therapiert. „So gerechnet sind es eigentlich 80 Probanden, da wir 80 Verläufe analysieren können, was eine höhere statistische Aussagekraft“, so Gasser. Eine Publikation, des im Dezember 2021 abgeschlossenen Forschungsprojekts, sollte noch heuer erscheinen, hofft Gasser.

Was im Hirn passiert

Mittlerweile gibt es Hinweise (Studie, Studie2, Artikel) darauf, dass der Einsatz von psychoaktiven Substanzen wie LSD die Neuroplastizität, die Fähigkeit des Gehirns, seine Struktur und Organisation an veränderte Voraussetzungen und neue Anforderungen (z. B. beim Lernen) anzupassen, positiv beeinflussen. Für Gasser ist das ein positives Signal, LSD und ähnlich Stoffe verstärkt wissenschaftlich zu untersuchen: „Das Gehirn hat die Möglichkeit, sich zu regenerieren, wieder Platz für Neues zu schaffen. Dabei kann auch LSD eine Rolle spielen, die neuronale Vernetzung im Gehirn anzuregen.“ Er sieht darin auch die neurobiologische Bestätigung der therapeutischen Erfahrungen des kontrollierten Einsatzes von LSD, wo Patienten von „subjektiv empfundenen positiven Transformationen berichten“.

Wer ist geeignet für eine LSD-Psychotherapie?

Gasser meint grundsätzlich, in Fällen wo Psychotherapie nützt, hilft auch eine LSD-gestützte Therapie. „Man muss eher fragen, wo soll man LSD nicht einsetzen? Das trifft zum Beispiel auf Schizophrenie, Borderline-Störungen oder auch manisch-depressiven Erkrankungen zu. Es sollte also von LSD abgesehen werden, wenn die Gefahr einer psychotischen Reaktion besteht“, so Gasser.

Die Personen sollten zudem eine hohe Motivation für eine derartige Therapie mitbringen: „Überreden bringt nichts, denn eine LSD-Therapie kann sehr anstrengend sein. Da braucht es dann schon eine starke Bereitschaft, die ‚bittere Medizin zu schlucken‘, die hoffentlich zur Heilung beiträgt.“ Gasser verweist darauf, dass er in seinen Studien mit hochmotivierten Patienten wie auch Therapeuten arbeitet. „Das ist wichtig so.“ Sollte das künftig herunternivelliert und LSD-Therapien zu leichtfertig angeboten werden, könnte das laut dem Therapeuten zu einer gefährlichen Entwicklung führen, meint Gasser.

Therapieverlauf

 

Bei Peter Gasser dauert eine psychedelische Psychotherapie im Schnitt drei Jahre. In der Regel besteht sie aus rund 70 Sitzungen Gesprächstherapie und etwa sieben Sitzungen mit kontrollierter LSD- oder MDMA-Gabe, die schon bis zu zehn Stunden dauern können.

LSD könnte aber auch bei Alkohol- und Drogenproblemen helfen, „so lange die Person noch eine halbwegs funktionierende soziale Anbindung hat", verweist Gasser auf positive Ergebnisse älterer und neuerer Studien zu LSD-gestützten Therapien bei Alkoholmissbrauch. Durch die von den psychoaktiven Stoffen ausgelöste Weitung des Bewusstseins kann laut dem Psychotherapeuten die Fixierung auf das Suchtmittel lösen und dabei helfen, den Teufelskreis zu durch brechen.

LSD-Therapien auf Krankenschein

Ganz ausgeschlossen ist es für den schweizerischen Mediziner nicht, dass es psychedelische Therapien einmal auf „Krankenschein“ geben könnte. Bei MDMA kann er sich das schon recht kurzfristig vorstellen, „da sind die Forschungen (hauptsächlich in den USA) schon sehr weit. MDMA könnte kurzfristig als Medikament zugelassen werden.“

Potenzial für MDMA gebe es vor allem bei Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) mit schlechten Behandlungsaussichten. Versicherungen könnten daran interessiert sind, die Kosten zu reduzieren, die durch oft lebenslange Behandlungen von PTBS-Patienten auflaufen. Dabei komme dann MDMA, mit dem nach bisherigen Studienergebnissen gute Therapieresultate erzielt werden können, ins Spiel. „Ob MDMA & Co künftig breiter eingesetzt werden, liegen letztlich politisch-ökonomische sowie gesellschaftspolitische Überlegungen zu Grunde – wenn die Ergebnisse passen.“ In den USA wird erwartet, dass die zuständige FDA (U.S. Food and Drug Administration) bereits Ende 2023 MDMA zur Behandlung von PTBS die Zulassung erteilen wird.

Potenziale

Das Potenzial für LSD und MDMA sieht Gasser ganz klar als Hilfsmittel in der Psychotherapie. „Im Moment erleben wir quasi eine Epidemie an Depressionen und Angsterkrankungen. Der Bedarf an guten Therapien ist enorm und da haben auch Psychedelika-gestützte ihren Platz.“

Unterschied LSD vs. MDMA

 

Der Unterschied von MDMA (3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin) zu LSD (Lysergsäurediethylamid) ist laut Gasser, das MDMA mehr auf der gefühlsebene wirkt: „Es ist ein Herzöffner.“ Mit MDMA habe man kaum Halluzinationen und kaum Visionen, es „ist vielmehr ein Beziehungs- und Emotions-assoziierte Substanz“. LSD wirke wie oft betont bewusstseinserweiternd, wo es zu Wahrnehmungsphänomenen kommen könne, die „oft eine spirituelle Dimension mit sich bringen“.

Außerdem kann er sich den Einsatz im Bereich Persönlichkeitsentfaltung von Gesunden vorstellen. Da sei man aber wieder bei der Frage, inwieweit das erlaubt wird und wie es mit der Kontrolle ausschaut. Gasser will aber LSD nicht unter Drogen eingeordnet wissen: „Es macht nicht süchtig, das ist erwiesen. Es birgt natürlich ein gewissen Risiko – klar –, das ist aber bei Alkohol und Nikotin genauso.“

Mikrodosierungen

Ein Thema ist auch der Einsatz von mikrodosierten Psychedelika. Dabei bewegt sich die Dosierung bei etwa 10 bis 20 Mikrogramm, was in etwa einem Zehntel dessen entspricht, wo es zu den klassischen psychedelischen Erfahrungen kommt. Gasser zum Beispiel arbeitet in seinen Sitzungen mit Dosierungen von 100 bis 200 Mikrogramm LSD – selten 300 Mikrogramm.

Die Idee dabei ist, dass es durch die Stoffe noch keine psychoaktive Wirkung gibt, dass Gehirn aber schon einen gewissen Stimulus bekommt. Gasser sieht das kritisch. Er glaubt beim gleichzeitigen Hinweis darauf, dass er kein Spezialist für „Microdosing“ ist, dass sich viele der derzeit publizierten Ergebnisse sich langfristig als Placebo-Effekte herausstellen werden. „Aber da muss man weitere Studien abwarten.“

So hat sich zum Beispiel ein internationales Forscherteam angeschaut, wie mikrodosiertes LSD auf die Schmerzwahrnehmung auswirkt. Ein zentrales Ergebnis dabei war, dass sich bei der Gabe von 20 Mikrogramm LSD (an freiwillige Studienteilnehmer) die allgemeine Schmerztoleranz um 20 Prozent erhöhte. Die LSD-Probanden konnten um einiges länger im kalten Wasser verweilen als die Freiwilligen, die ein Placebo erhielten. Die Probanden berichteten laut den Wissenschaftern außerdem  über eine Abnahme der subjektiven Erfahrung von Schmerz.

Ein Einsatzgebiet für den pharmakologischen Einsatz (Artikel) von mikrodosierten Psychedelika zeichnet sich für die Behandlung von Clusterkopfschmerzen ab. Einige Studien berichten über gute Ergebnisse bei der Gabe von LSD. Ein Hoffnungsschimmer für Menschen, die unter den „Suicide Headaches“ leiden.

Mikrodosiertes Doping

Einen falscher Ansatz ist für den schweizerischen Psychiater der Weg, LSD Leistungs- und Kognitions-steigernd einzusetzen – siehe Silicon Valley und „human enhancement“. Gasser sieht darin eine gewisse Ironie: „In den 1960er-Jahren war LSD die Ausstiegsdroge, jetzt ist es die Aufstiegsdroge. Eines ist klar, wer vor der Nahme von LSD kein Genie war, wird es auch danach nicht sein.“

Alfred Springer, ein österreichischer Psychotherapeut von der Fakultät für Psychotherapiewissenschaft der Sigmund Freud Privatuniversität Wien, der von 1976 bis 2009 das Wiener Ludwig-Boltzmann-Instituts für Suchforschung geleitet hat, dagegen bricht eine Lanze für Psychedelika, auch für den Einsatz im mikrodosierten Bereich.

So meinte er kürzlich bei der Tagung "Gehirndoping - Möglichkeiten und Gefahren der Selbstoptimierung" der Fachhochschule St. Pölten: „2008 vertraten verschiedene Wissenschafter den Standpunkt, dass man den verantwortungsbewussten Gebrauch kognitionsfördernder Substanzen durch Gesunde neu bewerten sollte. Die Gesellschaft müsse sich auf den gesteigerten Bedarf nach derartigen Stoffen einstellen und sich von der Idee lösen,  Enhancement als schmutziges Wort zu verstehen.

Sie argumentierten weiter, dass überall in der Welt Studenten Drogen wie Adderall und Ritalin kaufen und verkaufen. Nicht weil sie sich berauschen wollen, sondern weil sie (…) schlicht ihre Lernfähigkeit verbessern wollen, trotzdem gelten solche Transaktionen als kriminelle Akte, die zu Gefängnisstrafen führen können.

Es sei notwendig, die gesetzliche Regulierung der neuen Sachlage und den neuen Bedürfnissen anzupassen und Bedacht darauf zu legen, dass die Technologien des Enhancements in nützliche Bahnen gelenkt werden können. Umgestaltete Drogengesetze sollten vermeiden, aus Menschen, die in Sicherheit kognitives Enhancement betreiben wollen, Verbrecher zu machen. Dafür sollten es die Kontrollbehörden ermöglichen, dass die Pharmaindustrie die entsprechenden Mittel für die Abgabe an gesunde Erwachsene vermarkten kann, wenn die notwendigen Daten über Sicherheit und Wirksamkeit vorgelegt werden können.

Allerdings scheint die internationale Drogenpolitik bislang all diese Entwicklungen nicht wahrzunehmen. Sie partizipiert bislang nicht an der ‚Neurokultur‘, verharrt in traditionellen Abschreckungs- und Prohibitionsattitüden und betreibt weiterhin Denormalisierung von Gebrauch und Verbrauchern.“

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