Neue Gentechnik: Hoffnung im Kampf gegen "Getreide-Killer" in Kenia
Striga ist ein rabiates parasitäres Unkraut, dass bei Befall von Getreidekulturen in Sub-Sahara-Afrika für große Ernteausfälle sorgt. Steven Runo von der Kenyatta University Nairobi hat einen Ansatz mittels der - hierzulande kontrovers diskutierten - Neuen Gentechnik (NGT) entwickelt, wie Hirse künftig vielleicht einmal resistent auf Striga hermonthica reagieren könnte, wie er am Montag vor Journalisten erzählte. Er präsentierte seine Forschung bei einem Symposium in Wien.
Während in der EU Auflagen für Verfahren der Neuen Gentechnik (NGT) in der Landwirtschaft derzeit noch vergleichsweise strikt sind und eine entsprechende, von der EU-Kommission initiierte Lockerung bisher noch nicht in Reichweite ist, haben laut Runo sechs Länder in Afrika, darunter Kenia, Nigeria und Äthiopien, bereits eine - auch für die Forschung - zugänglichere Regulierung: Sie berufen sich vereinfacht gesprochen darauf, dass Pflanzen mit Mutationen, die zwar mit neuer Gentechnologie herbeigeführt, aber die auch in der Natur entstehen könnten, als ein "natürliches Produkt" behandelt werden. Ein Herangehen, was sich Forschende wie Hermann Bürstmayr von der Universität für Bodenkultur Wien (Boku) und Ortrun Mittelsten Scheid vom Gregor Mendel Institut für Molekulare Pflanzenbiologie (GMI) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) für Europa wünschen würden.
Gezielte Erbgutveränderungen, neue Möglichkeiten
Denn mit der neuen Technologie können Forschende gezielt Erbgutänderungen auslösen. Von Verfahren wie der Genschere CRISPR/Cas in der "Grünen Gentechnik" versprechen sich Befürworter Nutzpflanzen, die etwa besser gegen Krankheitserreger geschützt sind oder Dürre standhalten. Kritiker sehen durch das Ausbringen von neuen gentechnisch veränderten Organismen etwa potenzielle, bisher wenig abschätzbare Risiken für Umwelt und Gesellschaft.
Striga hermonthica, in Kenia auch "Hexenkraut" (Witchweed) genannt, sei kein Problem Europas oder Nordamerikas, aber ein Problem für den Hirseanbau in Ländern wie Kenia. Daher sei es auch von großer Bedeutung, dass Forschende aus den betroffenen Ländern quasi das Rüstzeug und das Know-how hätten, hier Forschung auf der Suche nach lokalen Lösungen zu entwickeln, unterstricht Runo.
Unangenehmer Parasit
Strigagefährdet insbesondere den Lebensunterhalt von Kleinbauern. Das Unkraut ist auch insofern bedrohlich, als eine Pflanze bis zu 100.000 Samen produzieren kann. Diese blieben bis zu mehr als zehn Jahre im Boden, wo sie dann an die Pflanzenwurzel andocken und diese schon sehr früh im eigenen Wachstumszyklus beeinträchtigen könne, erzählte Runo. Der pflanzliche Parasit nutze dabei seinen Wirt als Nahrungsquelle. Doch nicht alle Hirse-Pflanzen sind anfällig: Mit seinem Team konnte der Forscher nun Gene in Wildhirse identifizieren, die für die Resistenz gegen Strigaverantwortlich sind. Im Weiteren suchten sie über NGT-Verfahren Wege, kultivierte Hirsesorten mit einer Resistenz gegen Strigaauszustatten. Ersten Feldexperimenten könnte in ein bis zwei Jahren eine Kommerzialisierung folgen, wie der kenianische Forscher hofft, der seine Arbeit im Rahmen eines Symposiums zu Technologien der Neuen Gentechnik vorstellt.
Zentral sei im Prozess der behördlichen Bewerbung um ein NGT-Produkt in Kenia nachzuweisen, dass das Produkt keine Fremd-DNA beinhalte - und damit nicht als "transgen" gilt. Bisherige Mittel im Kampf um den "Getreide-Killer" Strigaseien aber nur wenig effizient, so der Forscher. Der anbautechnische Fruchtwechsel - einzelne andere Kulturpflanzen wie etwa Bohnen sind resistent gegenüber dem Unkraut - seien manchmal kulturell schwer einzubetten. Effiziente Herbizide gebe es keine. Insofern böten die heutigen Technologien zum einen die Möglichkeit, die verschiedenen Striga-Varianten auf ihre Resistenzen zu untersuchen und so auch Resistenz im Rahmen der Züchtung zu fördern. Gleichzeitig böte das "Genome Editing" die Möglichkeit, Resistenzen in jenen Kulturpflanzen, die die Landwirte bereits nutzen, zu erzeugen.
NGT-Zukunft in Europa noch ungewiss
Es gebe verschiedene Strategien, so Bürstmayr vom Boku-Institut für Biotechnologie in der Pflanzenproduktion, gleichzeitig liege der Nutzen der NGT-Verfahren vor allem auch darin, im Vergleich zur Entwicklung neuer Sorten schnellere Erfolge zu erzielen.
Weite Teile der Forschung haben sich in den vergangenen Jahren für eine Auflockerung im Umgang mit NGT-Verfahren in der EU ausgesprochen. Doch derzeit liegt die zuletzt vom EU-Parlament abgesegnete Version einer neuen Regulierung, nach der neue Mutationsverfahren wie die Genschere CRISPR/Cas künftig einfacher zum Einsatz kommen und damit bearbeitete Pflanzen nicht mehr als gentechnisch verändert gekennzeichnet werden sollen, auf Eis. Es steht nach wie vor die Zustimmung des EU-Rates aus.
"Derzeit gibt es weiterhin große Diskussionen" und eine "sehr unübersichtliche" Anzahl an Änderungsvorschlägen, sagte Mittelsten Scheid über die Aussicht auf Umsetzung auf europäischer Ebene. Dennoch sehe sie ein "Licht am Ende des Tunnels", da es zunehmend auch die Einsicht gebe, "wie wichtig die Regulierung ist". Die nächste nationale Regierung werde dann wieder Stellung beziehen müssen, so Bürstmayr. Seine Befürchtung ist, "dass Europas Regelung sehr kompliziert ausfallen wird" und eine entsprechende Bürokratisierung dann ebenfalls wieder den Kritikern in die Hände spielen würde. Wichtig sei es jedenfalls, so die Experten, den Dialog, etwa auch mit Vertretern verschiedener landwirtschaftlicher Zweige, weiter zu suchen und fortzusetzen. "Wir wollen das Thema rauskriegen aus dem Schmuddeleck" und wissenschaftlich erläutern, so Bürstmayr: "NGT ist jedenfalls keine Hochrisikotechnologie."