"Selbst Computer-Nerds können Zoom-Fatigue bekommen"
Gastbeitrag --- Im COMET-Zentrum VRVis steckten wir die Corona-Pandemie gut weg, dank guter Infrastruktur, Teamgeist und der Gewohnheit, viel und lang am Computer zu arbeiten. Fünf Jahre später sind wir zum größten Teil zur Präsenzarbeit zurückgekehrt. Behalten haben wir uns Flexibilitätsgewinne und ein gestärktes Vertrauen in unsere Selbstorganisation.
In der Informatik ist flexibler Forschungsalltag das Programm
Die Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt in den letzten Jahren drastisch verändert - das gilt für die Forschung wie für viele andere Bereiche. Als COMET-Zentrum im Bereich des Visual Computings, einer Teildisziplin der Informatik, waren wir von Haus aus gut aufgestellt: von der digitalen Infrastruktur, den Servern, der Geduld unseres Teams, viel und lange am Computer zu arbeiten oder der Gewohnheit, flexibel mit internationalen Kollaborateuren und Unternehmenspartnern zu kooperieren. Als Corona losging, verlegten wir unsere Arbeit zu 100 Prozent ins Homeoffice und verloren darüber keine großen Worte. Man könnte sogar sagen, dass es einige Kolleginnen und Kollegen gar nicht störte, (endlich) alleine und in Ruhe zu Hause arbeiten zu können. Der Erfindergeist und die Neugier waren stets die größte Selbstverpflichtung unseres Teams. Doch irgendwann setzte selbst bei den resilientesten Nerds die Zoom-Fatigue ein. Auf Dauer fehlte unserer Forschungsarbeit ein-fach der Faktor Mensch.
Forschung lebt vom Faktor Mensch
Unser Wissenschaftsteam vereint Personen aus der Informatik, Mathematik, Physik oder Architektur. Sie sind das Programmieren und Bildschirm-Arbeiten gewohnt. Es eint sie aber auch die Fähigkeit, sich Herausforderungen stellen zu können und zu wollen, egal ob in der Grundlagenforschung oder der angewandten Forschung. Denn erfolgreiche Innovationsarbeit zeichnet sich durch Resilienz, Durchhaltevermögen und Kooperationsfähigkeit aus - alles konkrete Soft Skills, die auf den Erfolg unseres Unternehmens einzahlen. Doch gerade Interdisziplinarität erfordert auch Kreativität und Kollaboration - und diese lebt vom Menschen.
100 Prozent Flexibilität = 100 Prozent Erfolg?
Mit den Impfungen und Lockerung der Maßnahmen kehrten alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Büro zurück. Bestimmte Abläufe funktionieren in persona besser - das kurze Besprechen eines Projektantrags, wenn man sich am Gang begegnet, oder das Einschulen und Betreuen von Nachwuchskräften. Kommunikation funktioniert über den Faktor Mensch, nicht (nur) die Auflösung eines Bildschirmes. Ständiges Remote-Arbeiten ohne Alternative erschöpfte auf Dauer selbst unser hartgesottenes Team.
Der Übergang zurück zum "normalen" Arbeitsalltag nach der Pandemie war für uns am VRVis COMET-Forschungszentrum nicht nur eine Rückkehr zur gewohnten Arbeitsweise, sondern auch ein Schritt in Richtung einer neuen, zukunftsfähigen Arbeitskultur. Wir erhielten uns mehrere wesentliche Aspekte. Beispielsweise den lockereren Umgang mit Meetings, es muss wirklich nicht immer die persönliche Anwesenheit sein. Oder das Vertrauen, dass das Team selbst in Ausnahmezuständen eigenständig und verantwortlich arbeitet und Homeoffice ein gutes Werkzeug ist, um Mitarbeiterin-nen und Mitarbeitern mehr Freiraum bei der Gestaltung ihrer Arbeitswoche zu gewähren. Der Weg zurück zur Präsenzarbeit hat uns gezeigt, dass eine ausgewogene Mischung aus Flexibilität und persönlichem Austausch der Schlüssel zu einer resilienten und kreativen Arbeitskultur in der Forschung ist.
Zur Person:
DI Dr. Gerd Hesina ist seit 2016 Geschäftsführer der VRVis GmbH. Davor arbeitete er viele Jahre in der Forschung. Hesina studierte Informatik an der TU Wien und bezeichnet sich selbst als leidenschaftlichen Computer-Nerd.
Service: Dieser Gastbeitrag ist Teil der Rubrik "Nachgefragt" auf APA-Science. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim Autor/der Autorin.